Mai 2008 Ein Rastplatz der Besinnung

Quelle: Volkstimme, Anhalt-Zerbster Nachrichten, vom 5. Mai 2008

Steckby besitzt die erste Radfahrerkirche in Anhalt

Mit einem Festgottesdienst ist St. Nicolai in Steckby gestern als erste Radfahrerkirche in Anhalt eröffnet wurden. Der mittelalterliche Sakralbau soll Radtouristen als Ort der Rast, Ruhe und Besinnung dienen. Bevor das Gotteshaus seiner Bestimmung „als geistliche Kraftquelle“ für Reisende auf dem Elberadweg übergeben werden konnte, ist der Fachwerkturm saniert worden.

Von Daniela Apel

Steckby. Zu Hauf strömen die Menschen gestern Vormittag nach Steckby. Viele kommen mit dem Fahrrad in das idyllische Elbdorf. „Wir sind öfter hier. Uns gefällt die Umgebung. Hier kann man ausspannen“, erklärt das Ehepaar Podhaisky. Da wollen sich die beiden Hallenser die Eröffnung der Radfahrerkirche nicht entgehen lassen.

Bild Boris Krmela         Bild Regina Frens         Bild Jürgen Tobies

Boris Krmela        Regina Frens         Jürgen Tobies

Noch am Vortag wurden die letzten Vorbereitungen getroffen und unterhalb des Kirchturms aus dünnen Baumstämmen Ständer zum Abstellen der Fahrräder errichtet, wie Boris Krmela berichtet. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats empfängt die Besucher im Vestibül, wo es nach frischer Farbe riecht. Erst kürzlich hat die Eingangshalle von St. Nicolai einen neuen, warmen Anstrich erhalten. „Wir sind eine Radfahrergruppe aus Aken“, ruft eine blondhaarige Frau fröhlich. Nach und nach füllen sich die hölzernen Bänke bis auf den letzten Platz. Eine so volle Kirche haben selbst die alteingesessenen Steckbyer bei einem Gottesdienst bislang nicht erlebt. Die Predigt hält der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Helge Klassohn wirft einen Blick zurück in die Geschichte des im 13. Jahrhundert hochgezogenen Feldsteinbaus, an dem sich schon immer die Wege der Menschen kreuzten. Das belegt der Name der Kirche, die dem heiligen Nikolaus geweiht ist, dem Schutzpatron der Reisenden, der Seefahrer und Kaufleute. Es ist anzunehmen, dass die Händler, die ihre Waren über den Elbstrom transportierten, und die Schiffer hier zum Gebet einkehrten. Helge Klassohn erzählt von einer Zerbster Urkunde, die bezeugt, dass es bereits 1213 einen Pfarrer Wilhelmus für Steckby gab.

Dank für Engagement der Steckbyer Bürger

Der Kirchenpräsident erinnert an die Instandsetzungsarbeiten, die nach dem Zusammenbruch der DDR dringend notwendig waren und längst nicht abgeschlossen sind. Die roten Dachziegel unterhalb des Fachwerkturms seien „ein Zeichen der Erinnerung, dass es weitergeht“, sagt Boris Krmela. Das gesamte Dach müsse saniert werden. Zudem seien Nässeschäden im Eingangsbereich zu beseitigen.

 

An dem schon von Weitem in der Landschaft sichtbaren Kirchturm nagte ebenfalls der Zahn der Zeit. Die Schäden am Gebälk waren so stark, dass den Steckbyern der Verlust ihres Wahrzeichens drohte. Vergeblich bemühte sich die Kirchengemeinde bei verschiedenen Geldgebern um finanzielle Unterstützung für die Turmsanierung. Dann reifte im Gemeindekirchenrat die Idee von einer Radfahrerkirche, liegt das Dorf doch unmittelbar am Internationalen Elberadweg. Plötzlich flossen die Fördermittel, so dass die Wiederherstellung des barocken Fachwerkreiters im vorigen Jahr in Angriff genommen werden konnte.

Um die morschen Balken auszutauschen und das Mauerwerk - unter Verwendung der wiederverwertbaren historischen Backsteine - zu erneuern, wurde die mächtige Turmhaube komplett abgenommen. Mittels eines 60-Tonnen-Krans schwebte die Spitze nebst Ampel und Zwiebeldach sanft zu Boden – ein seltenes Schauspiel, das zahlreiche Beobachter anlockte. Auf gleiche Weise kehrte die reparierte Haube an ihren angestammten Platz zurück. Zuvor war der Glockenstuhl restauriert worden. Auch die hölzernen Treppen und das Geländer im gut 38 Meter hohen Turm wurden ausgebessert. Zu guter Letzt erhielt das Gotteshaus eine neue Innenausmalung.

 

Das 133 000 Euro teure Projekt wurde zu 75 Prozent (99 000 Euro) über das europäische Leader Plus-Programm gefördert. Die „Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland“ (Kiba) steuerte 8 000 Euro bei. Den Rest teilten sich die Landeskirche Anhalts, die Kirchengemeinde Steckby und die Gemeinde Steutz.

 

Als „größte Freude“ während der Umsetzung des Konzeptes empfand Boris Krmela, „dass sich so viele aus dem Ort engagieren“. Anfangs hätten sie nicht gewusst, wie die Resonanz in der Bevölkerung sein werde. Doch es habe sich einmal mehr gezeigt, die Steckbyer halten zusammen, wenn es drauf ankommt, dankt Bürgermeisterin Regina Frens gestern all jenen, die mit angepackt haben. Die uneigennützige Hilfe umfasste das Gestalten und Herrichten des Kirchenumfeldes ebenso wie das Säubern des spätromanischen Gotteshauses.

 

Mit der Radfahrerkirche sei in Steckby ein weiterer Anziehungspunkt geschaffen worden, freut sich Regina Frens. Sie spricht von einem Rastplatz der Besinnung. Als Ort zwischen Bewegung und Pause charakterisiert Boris Krmela St. Nicolai. Das Gotteshaus solle den Radtouristen als geistliche Kraftquelle auf ihrer Tour entlang des Elberadweges dienen, erklärt Jürgen Tobies. „Sie sind ein leuchtender Turm in unserem Kirchenkreis Zerbst geworden“, würdigt der Kreisoberpfarrer die Idee, die Steckbyer Kirche für Pedalritter zu öffnen, die nicht nur Familie Podhaisky „ganz toll“ findet.

 Regina Frens schenkte der Kirchengemeinde St. Nicolai ein Gemälde, das

Regina Frens schenkte der Kirchengemeinde St. Nicolai ein Gemälde, das
ihre Großeltern einst zur Hochzeit vom Steckbyer Pastor erhalten hatten.

Gemeinsame Rundfahrt durch das Elbdorf

Künftig ist St. Nicolai von April bis Oktober täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. In der Zeit können Besucher die Stille des Feldsteinbaus genießen oder das Gotteshaus mit seiner Zuberbier- Orgel erkunden. Im Vestibül lädt während der gesamten diesjährigen Radfahrersaison die Ausstellung „Die Schönen vom Lande“ zu einem Streifzug zu den Dorfkirchen des Kirchenkreises Zerbst ein. Die im Foto festgehaltenen Gotteshäuser gehören wie St. Nicolai zur „Stiftung Entschlossene Kirchen“, die Kirchengemeinden beim Erhalt und der Öffnung ihrer sakralen Gebäude unterstützen möchte. Für die Beteiligung an der Stiftung übergibt Sonja Hahn dem Steckbyer Gemeindekirchenrat gestern die Stifterurkunde.

 

Auch Regina Frens ist nicht mit leeren Händen zum Festgottesdienst gekommen. Die Bürgermeisterin hat einen Gutschein der Gemeinde für die Bepflanzung auf dem Kirchhof mitgebracht. Zudem holt sie ein persönliches Geschenk hervor: ein Gemälde, das das letzte Abendmahl zeigt. „Meine Großmutter stammt aus Steckby“, beginnt Regina Frens. Als diese 1912 ihren Mann Max Schmidt heiratete, erhielten beide das Bild als Hochzeitsgeschenk vom damaligen Pastorenpaar. Nun kehrt es in den Schoß der Kirche zurück.

 

Wenig später schwingt sich die Gemeindechefin gemeinsam mit Boris Krmela, dem Steutzer Pfarrer Reinhard Hillig und Kirchenpräsident Helge Klassohn in den Sattel. Die meisten anderen Gottesdienstbesucher schließen sich gut gelaunt der Rundfahrt durchs Dorf an, die an der Radfahrerkirche endet.

 

Nach dem Festgottesdienst starteten die Teilnehmer zu einer Fahrrad-Rundfahrt durchs Dorf.

 Nach dem Festgottesdienst starteten die Teilnehmer zu einer Fahrrad-Rundfahrt durchs Dorf. 

 

Familie Podgaisky reiste aus Halle an
 
Familie Podgaisky reiste aus Halle an, um sich die 
Eröffnung der Radfahrerkirche nicht entgehen zu lassen.
                  

  

Kirchenpräsident Helge Klassohn schnappte sich ebenfalls ein Fahrrad

 Kirchenpräsident Helge Klassohn schnappte sich ebenfalls ein
Fahrrad und führte den Korso durch Steckby an.

 

 (Fotos Daniela Apel)